Ästhetische Praktiken nach Bologna

Architektur, Design und Kunst als epistemische Kulturen im Entstehen

Die Bologna Reform und damit verbundene Entwicklungen einer verstärkten Ökonomisierung, Medialisierung und Politisierung von Wissenschaft (Weingart 2001), auch als ‘new governance of science’ (Maasen & Weingart 2006) bezeichnet, führte zu einer tiefgreifenden Reform des tertiären Bildungssbereiches in der Schweiz und weiteren europäischen Staaten. Neben der Harmonisierung von Bildungsstufen (BA, MA und PhD) auf universitärer Ebene, wurden eine Reihe anwendungsorientierter Ausbildungen an Fachhochschulen angesiedelt. Diese wurden unter einen öffentlichen Leistungsauftrag gestellt und die an ihnen vertretenen Fächer sahen sich vor die paradoxe Herausforderung gestellt, sich ohne langjährige genuine Forschungserfahrung als akademische Disziplinen zu institutionalisieren und eigene forschende Praktiken zu entwickeln. Dies führte zu einer verstärkten Forschungsorientierung dieser Fächer, die wir hier als Akademisierung, bzw. in Anlehnung an Foucault (1978) als Forschungsdispositiv bezeichnen.

Dieses Forschungsdispositiv betraf nicht nur Fachhochschulen, sondern ebenso an konkreten Berufsbildern orientierte Fächer an Universitäten und technischen Hochschulen, wie beispielsweise die Architektur, inder die Forschung bislang hauptsächlich durch Nebendisziplinen, wie Kunstgeschichte, Architektur- und Stadsoziologie, Sozial- und Humangeographie, Materialwissenschaften und Statistik durchgeführt wurde (vgl. z.B. Heintz, et al. 2004). Dabei lässt sich beobachten, dass sich Forschungsdiskurse verstärkt facheigenen inhärenten Kernkompetenzen wie dem architektonisches Entwerfen, dem Gestalten im Design und dem künstlerischen Schaffen zuwenden. Diese Kernkompetenzen bezeichnen wir hier als ästhetische Praktiken (zu der diesem Begriff zugrundeliegenden Theoretisierung von Ästhetik, siehe z.B. Bredekamp (2010), Böhme (1995), Egenhofer (2010); zu der Auffassung von Praxis Bourdieu (1977). Da diese den Kern der Wissensproduktion eines anwendungsorientierten Faches darstellen und eine zentrale Rolle in dessen Selbstverständnis, wie auch in deren Ausbildung innehaben, nehmen wir an, dass die ästhetischen Praktiken durch forschungspolitische Veränderungen besonders betroffen sind.

Vor diesem Hintergrund untersucht das geplante Projekt die Konsequenzen des Forschungsdispositivs bei der Ausbildung ästhetischer Praktiken an Schweizer Hochschulen in den Bereichen Architektur, Design und bildender Kunst. Ausgehend von Karin Knorr Cetina’s (1999) Konzept der epistemischen Kulturen interessieren wir uns insbesondere dafür, ob und wie durch das Forschungsdispositiv neue disziplinspezifische und variable Wissensproduktionsformen hervorgebracht werden. 

Publikation im Erscheinen:
Priska Gisler und Monika Kurath: 'Architecture, design et les arts visuels: Transformation des disciplines après la Réforme de Bologne' in Adriana Gorga et Jean-Philippe Leresche: Transformations des disciplines académiques: entre innovation et résistance. Paris, Editions des archives contemporaines.

Laufzeit: 
2011 bis 2013
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