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Immer mehr Licht?
Zum Umgang mit Tageslicht im Wohnungsbau (2002-2004)

 


© Foto: Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta), ETH Zürich

 

Der aktuelle Umgang mit dem Tageslicht im Wohnungsbau ist in vielerlei Hinsicht als eine Fortführung von Entwicklungslinien zu sehen, deren Anfänge vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen und auf gesellschaftlichen Umständen gründen, die sich von den heutigen massgeblich unterscheiden. Dennoch sind unsere Vorstellungen von „zeitgemässem“ Wohnen davon weit mehr beeinflusst, als uns überhaupt bewusst ist.

Unser scheinbar unstillbarer Hunger nach natürlichem Licht, das unsere Wohnungen zu durchfluten hat, ist bereits den Architekten des Neuen Bauens in den 20er/ 30er Jahre ein zentrales Anliegen. So scheint das Aufreissen der Fassade, von den Protagonisten der klassischen Moderne im Zuge der geforderten Neuausrichtung von Wohnqualität propagiert, bis heute nichts an Aktualität eingebüsst zu haben. Im Gegenteil: Glaubt man den medial transportierten Bildern, dann setzt die Architektur der Nachmoderne nun auch im aktuellen Wohnungsbau vermehrt auf vollflächig verglaste Fassaden. Nicht zuletzt, um auf die explizite Nachfrage nach hellen Räumlichkeiten zu reagieren.




© Foto: Klaus Spechtenhauser

 

Viele Dinge des täglichen Gebrauchs sind uns so selbstverständlich geworden, dass der Grund für ihre Präsenz oder die Art und Weise ihrer Ausformung kaum je hinterfragt wird. Dies lässt sich mitunter auch für den Einsatz bestimmter architektonischer Gestaltungsmittel sagen, wie sich – vielleicht deutlicher als in anderen Bereichen – gerade in der Wohnbauarchitektur zeigt. Das mag wiederum daran liegen, dass Wohnen an sich konservativ ist und von Gewohnheiten bestimmt und grundlegende Änderungen nur sehr langsam Fuss fassen. Ebenso ist die Bereitschaft vieler Entscheidungsträger, die im konventionellen Wohnungsbau auch wirtschaftlich erfolgreich agieren, gering, die tradierten Muster zu reflektieren.

Was nun den Faktor Tageslicht im Wohnungsbau angeht, so handelt es sich hier – angesichts der architektonischen Praxis [Einhaltung normativer Mindestanforderungen] als auch hinsichtlich des landläufig artikulierten Wohnbedürfnisses [„Suche helle Wohnung“] – um eine äusserst schwammige Grösse. Vertiefte Recherchen in der Fachliteratur zum Thema Tageslicht zeigen auf, dass dessen Relevanz allenfalls aus fachspezifischer Betrachtungsweise betont wird. Dies gilt interessanterweise auch für jene Zeitabschnitte, in denen das Tageslicht für das Bauen ein zentraler Punkt zu sein scheint; etwa im Rahmen des Neuen Bauens oder aber heute, da die Tageslichtnutzung vor allem in energetischer oder ergonomischer Hinsicht im Vordergrund steht.

Der Sinn dieser Forschungsarbeit, die sich spezifisch mit dem Verhältnis Wohnraum-Mensch-Tageslicht auseinandersetzen will, liegt insbesondere darin, den Blick zu öffnen für die Verbindungen, die zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Disziplinen bestehen und bzw. zwischen der Wechselbeziehung Architektur und Leben. In einer essayistisch-wissenschaftlichen Abhandlung soll innerhalb mehrerer Kapitel aufgedeckt werden, welche fragmentarischen Konzeptteile relevanter Disziplinen bzw. welche Versatzstücke der Geschichte sich in Bezug auf den heutigen Umgang mit Tageslicht im zeitgenössischen Wohnungsbaubestand wiederfinden.

Literatur

Michelle Corrodi, Klaus Spechtenhauser (2005)
Immer mehr Licht? Zum Umgang mit Tageslicht im Wohnungsbau
Zürich: ETH Wohnforum.

Kontakt

Klaus Spechtenhauser
Michelle Corrodi